Über Jäger

Beginnen wir mit dem Bild eines „typischen deutschen Jägers“. Ich kenne einige, bin selbst einer. Die wenigsten schaffen es täglich ins Revier. Die meisten eher am Wochenende. Und dann findet die Jagd in der Dämmerung statt. Die Zeit dazwischen wird im Flachland gern daheim verbracht. Im Gebirge, wo die Wege weiter sind, bleibt man im Wald oder auf der Hütte.

Die Zeit, die solche Jäger draußen verbringen, ist demnach überschaubar kurz. Und diese verbringt er dann meistens sitzend. Dies nicht aus Faulheit: Die Pirsch, auch wenn sie jedem einzelnen wohl die liebste Jagd wäre, braucht neben der Zeit vor allem auch den Raum. Doch in unserem Reviersystem lässt sich kaum einmal ein Reh oder Hirsch zu Fuß verfolgen um es noch im eigenen Revier zur Strecke bringen zu können. Dann sitzt der Jäger also da und wartet auf das Wild. Mehr tut er im Wesentlichen eigentlich nicht. Noch dazu sind viele Sitze überdacht.

Und wie sieht die Ausrüstung und Kleidung unserer deutschen Jäger aus? Ich mache aus mir einmal das Beispiel: An den Füßen trage ich wasserdichte Lederstiefel, die einmal ein kleines Vermögen wert waren bis mein Hund, damals noch Welpe, sie in die Fänge bekam. Nun sind sie immerhin einmalig, weil geflickt. Dann folgen auch nicht eben billige Trekking-Hosen aus besonders robustem und schnell trocknendem Material. Am Oberkörper trage ich dann, je nach Witterung, einen dicken Wollpullover und eine Jacke mit Windstopper-Membran oder wasserdichtes Gore-Tex. Auf keinen Fall darf das Funktionsunterhemd fehlen, egal wie warm oder wie kalt es ist! Darüber dann eine Multifunktionsweste mit allerlei Taschen für die Dinge, die ich meine bei der Jagd zu brauchen: Stirnlampe mit Rotfilter, Reinigungsschnur für das Gewehr. Erste-Hilfe-Set und Schweißriemen für den Hund. Ein Putztuch für’s Glas und ein Sitzfilz für den Hintern. Mein Gewehr ist neben dem Zielfernrohr noch mit einem speziellen Gewehrriemen ausgestattet. Diesen kann ich schnell verstellen und so das Gewehr, wenn ich es mit der Mündung nach unten trage, blitzschnell in den Anschlag bringen. Habe ich das je gebraucht? Nein. Aber das Erste-Hilfe-Set ja auch nicht und auf dieses möchte ich nun wirklich nicht verzichten, ich kenne mich. Ein Messer ist noch dabei, klar. Falls mit Sauen zu rechnen ist noch ein zweites, ein kleines Schwert um ehrlich zu sein, denn ich bin ja Hundeführer. Latexhandschuhe. Smartphone. Munition. Kleinkram.

Ich möchte behaupten, dass sowohl die Kleidung als auch die Ausrüstung durchaus typisch ist für den deutschen Jäger, im groben. Zumindest wenn’s auf Schalenwild im Wald geht und nicht eben einige Höhenmeter zu Fuß zu überwinden sind. Es ist sehr viel „Spezial-“ und „Multifunktions-“ Gedöns dabei, viel Hightech-Faser. Wenigstens mein Schweißriemen ist noch aus Leder, und manches Mal wurde ich dafür schon ausgelacht und sogar gescholten. An dieser Stelle ein letztes Mal dazu: Das ist mir die Tradition, das Gefühl des Leders und der meditative Charakter des waidgerechten Aufdockens (=Zusammenlegen der 10m Leine) allemal wert, auch wenn Synthetik besser sein mag. So.

Zusammengefasst: Der deutsche Jäger, der bei den meisten Ansitzen doch mal eben 500m vom Auto bis zum Sitz zurücklegt, wenn überhaupt, ist bestens ausgestattet und könnte fast auf Expedition sonstwohin gehen!

In Japan unterdessen…

Und Kubosan? Nun, vielleicht beginne ich einmal mit einer kurzen Vorstellung: Er ist knapp 70 Jahre alt und jagt seit er 20 ist berufsmäßig. Nicht wie die Berufsjäger in Deutschland, die den Luxus einer festen Anstellung inklusive Gehalt genießen. Nein, Kubosan hat Tiere getötet und alles verkauft, was diese hergaben. Die Decken, also das Fell, gerbt er selbst. Davon konnte er gut leben und sich und seine Familie, Frau und zwei Töchter, ernähren. Die längste Zeit, die er am Stück in den Bergen verbringt, beträgt etwa drei Monate. Ernährt hat er sich dabei von Pflanzen und Fischen – und war, laut eigener Aussage, immer hungrig. Und wie sieht seine Ausrüstung aus?

An den Füßen Gummistiefel. Im Sommer lieber diese „Ninja-Stiefel“ aus Stoff mit Gummisohle, die den großen Zeh separat umschließen. Die trocknen schnell genug, meint er. Gut, dann kommt eine robuste aber schlichte Hose mit ausreichender Weite für die Bewegungsfreiheit. Gemacht aus starker Baumwolle. Im Winter kommt da noch eine Regenhose drüber, die an den Stiefeln noch mit Panzertape fixiert wird. Lange Unterwäsche, ein Fleecehemd. Und ein robustes Oberhemd, ebenfalls aus starker Baumwolle, ohne Knöpfe, nur mit Schnürung. Eine gesteppte Daunenweste. Im Winter noch eine Regenjacke. Dann noch das obligatorische Stirnband, welches hierzulande gern getragen wird und vielerlei Einsatzmöglichkeiten kennt. Und sei es nur, um den heißen Teekessel vom Feuer zu nehmen. Tja, und sein Rucksack? Selbstgenäht. Aus Segeltuch mit Leder. Sein Zelt ist wohl der modernste Gegenstand darin: Zeltplanen, extrem dünn aber wasserdicht, ohne Gestänge. Es wiegt nicht einmal ein Kilogramm. Geschlagenes Seil, 20m. Zeitungspapier, wasserdicht verpackt. Sowohl als Starthilfe für’s Feuer als auch um Körper und Kleider zu trocknen. Dann wird die nasse Kleidung ausgezogen, die Zeitung direkt auf die Haut gelegt, und die Klamotte wieder angezogen. So bliebe der Körper warm, da sich schnell eine isolierende Schichte bilde, und das nasse Hemd trocknet schneller. Ginge auch beim Schlafen ganz hervorragend. Achso: Einen Schlafsack oder eine Isomatte hat er nicht! Aber ein Sitzkissen. Dann trägt er noch seine Messer zum Zerwirken mit und Plastiktüten – denn sein Auto steht nicht nebenan, sodass er das Wild leicht bergen kann. Alles muss vor Ort versorgt und zerwirkt um dann heim getragen zu werden! Das Regenzeug ist auch im Rucksack wenn er es nicht trägt. Auch eine Taschenlampe, sein Militärkocher mit Bechern und ein Karabiner mit Umlenkrolle, um das Wild hängend zerwirken zu können. Drei Magazine für sein Gewehr plus Ersatzpatronen. Macht insgesamt 15 Schuss, mit denen er unterwegs ist. Als Gewehr führt er eine .338 Sako Repetierbüchse aus Finnland. Seit 40 Jahren! Eingeschossen auf kurze Distanz, denn er sagt von sich selbst er sei ein lausiger Schütze.

Waidgerecht?

So. Kurzes Fazit? Kubosan ist mit sehr bescheidener, simpler Ausrüstung unterwegs. Und doch ist Diana ihm hold. Ich kann es ihr nicht verübeln. Aus mythischer Sicht macht das sogar sehr viel mehr Sinn als alles andere: Ich würde auch jenen Jäger bevorzugen, der sich der Wildnis mit einfachen Mitteln stellt und dabei seinen Komfort und seine Bequemlichkeit unterordnet. Abseits des kultischen stelle ich aber mal die Gretchenfrage in den Raum: Wie schaut’s denn aus mit der Waidgerechtigkeit? Ein Beispiel: Ich kenne einen Jäger der sagt, mit halbautomatischem Gewehr jagen sei nicht waidgerecht. Worum geht es denn? Dem Tier auf Augenhöhe begegnen? Dann wäre der Mensch immer unterlegen. Nur mit den Händen jagt es sich sehr schlecht. List und Tücke müssen erlaubt sein. Werkzeuge. Oder? Geht es um das reine Reduzieren der Population ist es, pardon, scheiß egal. Dann kann ich auch die Bundis durch den Wald jagen äh schicken und sie mit dem G36 alles schießen lassen was sie finden. Wenn es denn geradeaus schießt… Das scheint es also nicht zu sein, was uns Jägern so am Herzen liegt. Also ist es doch das Naturerlebnis, das animalische dabei. Und ich erinnere mich an einen Tag im Wald, der ohne Auto auskam. Weil wir zu Fuß ins Revier marschierten. Und es war eine schöne Jagd. Gewiss, man muss sich nicht quälen. Aber die einfachen Dinge sind meist genauso praktisch. Und das, was man wirklich braucht, findet man nicht bei anderen, im Sinne von: „Das ist toll, das muss ich auch haben!“. Nein, was man wirklich braucht, vermisst man erstmal. So in etwa: „Verdammt, wo ist nur mein Multifunktionstool?!“

2 Kommentare

  1. Armin

    Also ist Waidgerechtigkeit im Wesentlichen die Jagdromantik?

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    1. Anita (Beitrag Autor)

      Soweit würde ich nicht gehen. Aber in der Tat stellt sich immer wieder die Frage „Was ist Waidgerechtigkeit“? Die Frage wird umso wichtiger, führt man sich vor Augen dass der Begriff „Waidgerechtigkeit“ sowohl im Bundesjagdgesetz vorkommt als auch im Strafgesetzbuch. Im letzteren nämlich dann, wenn es um den Tatbestand der Schweren Wilderei geht. Wenn ich mich richtig erinnere, beide Gesetzbücher liegen mir hier und jetzt nicht vor. Doch zurück zur „gefühlten“ Waidgerechtigkeit: Tierschutz spielt dabei meist eine wesentliche Rolle. Kurioserweise bisweilen aber auch „Dem Tier eine Chance geben“ – was meint, die Jagd mit halbautomatischen Gewehren sei nicht waidgerecht. Und die Idee der Jagd zur Regulierung der Population ein wenig ad absurdum führt. Für manche gehört auch das Füttern des Wildes in Notzeiten, also meist dem strengen Winter, dazu. Insgesamt bewegen wir uns in Deutschland mit unserer Jagd in dem weiten Graubereich zwischen „Wir wollen regulieren“ und „Wir wollen der Natur ihren Lauf lassen“. Sehr bizarr, alles in allem. Vor allem dann, wenn keine Einheit darin herrscht, wie man denn nun jagt. Denn jede Bemühung des einen Jägers kann vom Nachbarn zunichte gemacht werden, wenn dieser anders jagt. In der Waidgerechtigkeit liegen viele Widersprüche, die einem Nichtjäger nur schwer zu vermitteln sind. Ein halbautomatisches Gewehr, nein! Aber ein exzellentes Zielfernrohr für Weitschüsse, ja! Diese Widersprüche könnten einem ja herzlich egal sein, wären wir deutschen Jäger nicht so schnell dabei, andere Jäger zu verurteilen…
      Zurück zur Waidgerechtigkeit: Romantik, ja, bestimmt. Es ist ja auch ein durchweg erhabenes Gefühl, in der Natur zu sein, sich als Teil davon zu verstehen und zu erleben. Der wache Geist, der belebte Instinkt, das alles eint die Jäger unabhängig ihrer speziellen Einstellung zu Abschussquoten und Ausrüstung. Nichts desto Trotz wird viel Wert auf Komfort gelegt. Ob es zuviel ist, darüber mag ich nicht urteilen. Was ich aber gestern feststellen durfte: Die Bewegungsweite des Bären war mitnichten so groß, dass wir zwangsläufig in einem deutschen Revier die Grenze überschritten hätten! Somit stelle ich in Frage, dass meine bisherige Einschätzung „Die Pirsch funktioniert nicht, weil unsere Reviere zu klein sind und die Situation eine andere ist“ noch weiterhin Gültigkeit hätte. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Pirsch auf Rehwild bei Schneelage durchaus erfolgversprechend ist. Ich möchte das jetzt nicht als DIE Jagdmethode propagieren. Aber vielleicht täte es manchem Jäger, zumindest mir!, ganz gut, zumindest einmal bei Schnee zu pirschen. Eine Erfahrung ist es allemal! Und mit Hund und „Pirsch voran!“-Kommando sicher auch ein durchweg einzigartiges Erlebnis.

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