Carroch

Carroch Cottage

18.7.2013 / Ankunft in Carroch

Bin bei Mr. Graham Hunt angekommen. Mitten im Nirgendwo. Aber irgendwie doch im Paradies. Man gebe einfach “Carroch” bei Google Maps ein und sehe, was ich meine. Der Hund ist glücklich, die Unterkunft großartig. Ich habe keinen Strom, aber im Kerzenlicht Tagebuch schreiben und Bücher lesen hat etwas heimeliges. Gleich gibt es Frühstück und dann…Arbeit! Achja: Absolut KEIN Netz. Ich werd’s morgen mal auf den Hügeln versuchen….

Hütte

Meine Unterkunft für die nächsten Wochen. Kein Strom, keine Heizung. Aber Kerzenlicht und Ofen. Und genug Platz für mich, den Hund und einen Tisch.

(ergänzt 2015) Diese einfache Hütte war mir in den Wochen bei Graham Quartier und uneinnehmbare Festung. Sie lag abseits auf dem Gelände in einem Hain aus jungen Obstbäumen, Eichen und Eschen. Es gab am Abend für mich nichts schöneres, als den kleinen Ofen zu befeuern und im Kerzenlicht „Wald – Leben in den Wäldern“ und „Narziss & Goldmund“ zu lesen bis mir die Augen zufielen. Anfangs hatte Whisky noch seinen Platz auf der Decke am Boden. Später relativierte der Hund das dann und kam zu mir ins Bett gekrabbelt sobald ich eingeschlafen war. Das weiß ich, weil er es einmal versuchte als ich noch halb wach war. Dieses „einfache Leben“, wie ich es jetzt einmal nennen möchte, war genau das, wonach ich gesucht hatte. Wenn man einmal auf all den Komfort und Luxus der modernen Welt verzichtet hat, man sich mit Leib und Seele darauf einlässt – vielleicht auch in dem Wissen, dass es nicht von Dauer ist und man schon früh genug zurück sein wird in der Hektik seines alten Lebens – bleibt einem im Grunde nichts anderes übrig als festzustellen, dass es ohne Fernseher und Zentralheizung nicht nur auch geht – sondern eigentlich viel schöner ist. Es gab in meinem Leben kaum einen Ort, der mich so sehr zu Ruhe und Frieden kommen ließ wie diese Hütte bei Graham.

19.7.2013 / Carroch Tag 2

Wo bin ich?
Immernoch in Carroch. Aber allein bis Sonntag.
Was habe ich heute gegessen?
Original einheimischen, schottischen Hart- und Weichkäse mit in Käse ungewohnten Kräutern darin auf original bayerischem Pumpernickel…… und einen super leckeren Salat mit jungen unfertigen Möhren. Zum Abendbrot gab es selbstgebackenes Brot (aus der Maschine) mit Butter, Salz, Pfeffer und geräucherten Lachs. Letzterer ist, frisch aus dem kleinen Laden, unvergleichbar mit allem, was wir in Deutschland in den Supermärkten verkauft bekommen…
Was steht morgen an?
Den Rhododendron entfernen, Rasenmähen, Kompost umschichten und den Teppich in der Jurte verlegen.

Alles ist gut. Ich habe heute Einzelschutz an Weiden und Eschen entfernt. Schweißtreibende Arbeit in der Hitze und ich glaube, es gibt nun keine Stelle mehr an den Armen und im Gesicht, die noch nicht von Bremsen gestochen wurde. Aber es fühlt sich gut an. Dieser Ort ist unglaublich friedvoll. Heute habe ich ein einziges Auto gezählt, welches die “Straße” passiert hat. Ansonsten hört man nur den Wind, die Vögel und das vereinzelte Blöken der Schafe.
Da Graham von sich behauptet, kein guter Koch zu sein, habe ich angeboten für uns zu kochen solange ich hier bin. Er war begeistert und neugierig auf das deutsche Essen. Da werde ich ihn aber wohl enttäuschen müssen: Die “moderne Küche” ist so durchsetzt von allerlei Einflüssen, dass ich selbst recht wenig typisch deutsche Gerichte zubereiten kann. Und die wenigen, die ich einigermaßen beherrsche, wie z.B. Wirsingeintopf, brauchen zwingend deutsche Würstchen.
Ansonsten ist Graham ein sehr guter Gastgeber und ein lieber Kerl mit einer unsteten Vergangenheit. Er hat eine Liste von Jobs aufgezählt: Lehrer, Metzger, Arbeiten für den “National Trust” in diversen Nationalparks (da hat er auch gelernt, Steinwege und -mauern anzulegen, was er mir noch unbedingt beibringen muss). Dann hat er Ökologie studiert (und absolviert) und arbeitet jetzt im nahegelegenen Dorf als Lehrerassistent für die Grundschule. Er ist belesen und hat sogar von Hermann Hesse schon gehört. Ein interessanter Mensch und die Gesprächsthemen gehen nicht aus. Noch gehen wir uns nicht auf die Nerven
Was er mir von der Forestry Commission erzählt hat war schockierend. Die ganzen Wald-Verhältnisse in GB sind als schockierend zu betrachten. Es scheint wohl, dass der Großteil der Wälder in Hand von solchen Firmen wie der genannten ist, nur ein kleiner Teil gehört dem Staat. Und was die Firmen machen ist schlimmer als der schlagweise Hochwald, denn die Flächen sind deutlich größer: Man pflanzt Bäumen, bevorzugt Fichten. Man lässt sie 40 Jahre alt werden. Dann kommt der Kahlschlag und man pflanzt erneut. Und das alles wie mit dem Lineal gezogen. Ich glaube ich konnte Graham davon überzeugen, dass wir in Deutschland im Studium andere Dinge lernen. Und vielleicht sollte ich doch noch zur Universät nach Aberdeen gehen, wo u.A. Forestry gelehrt wird, und den Jungs dort mal ein paar Takte erzählen….Wenn das alles so stimmt, was der Graham mir darüber erzählt hat, frage ich mich was die dort lehren. Denn Theorie&Praxis vom schlagweisen Hochwald kann ich jedem Depp beibringen….

20.7.2013 / Climbing the hills for signal

Wo bin ich?
Carroch, Tag 3.
Was habe ich heute gegessen?
Brot mit geräuchertem Lachs und Käse…wie die simplen Dinge doch sättigen können!
Was steht morgen an?
Den Zaun weiterbauen

Lebender Zaun

Sichtschutz und Habitat zugleich – und eine wunderbare Möglichkeit, Astschnitt und andere Gartenabfälle „zu entsorgen“

Zaun und Schutzfläche

Links die Pflanzen, die es zu schützen galt. Die Pappe dient als Schutz der noch jungen Beerensträucher vor Überwucherung durch Unkraut. Unschön, aber effektiv. Im rechten Bilddrittel sieht man schon das erste „Bauteil“ des neuen Zaunes.

Heute habe ich nicht soviel beschickt bekommen wie ich eingangs plante. Immerhin ist der Boden der Jurte jetzt mit Folie und Teppich bedeckt, leider fehlt das Material für den gesamten Boden. Den gesamten Rhododendron mit einer Handsäge zu entfernen ist sehr sehr aufwändig und ebenso anstrengend, zumal eine Kettensäge im Haus ist. Der Zaunbau geht ganz gut voran, auf dem Land hier wächst genug Haselnuss für die Stangen.
Ich bin den Berg hinauf geklettert um mal nachhause zu telefonieren. Tatsächlich ist das Funksignal oben exzellent, der Weg hinauf und hinab ist zwar anstrengend, aber kurzweilig. Den Hund hat es total ausgepowert. Der Blick von oben über die Weite des Landes ist atemberaubend. Schade nur, dass die Wälder hier so garnichts Natürliches mehr haben.
Die Wildsituation hier ist ebenso problematisch. In Großbritannien gibt es kein Reviersystem wie in Deutschland sondern ein Lizenzsystem. Das bedeutet in etwa, dass einzelne Jäger die “Lizenz zum Töten” von einzelnen Stücken erwerben. Die Preise scheinen jedoch recht hoch zu sein und gerade in den entlegenen Gegenden wie hier in Carroch kümmert sich niemand wirklich um das Wild. Deshalb ist es Graham ein besonderes Anliegen, seine gepflanzten Bäume und Beerensträucher zu schützen. Zu diesem Zwecke soll ein spezieller Zaun errichtet werden.

Querschnitt

Je „dicker“ man den Zaun macht, desto mehr Material benötigt man zum Auffüllen. Bei Graham mangelte es jedoch nicht daran: Rhododendron und Kronenmaterial von Fichten kamen hier zum Einsatz.

Einen solchen Zaun habe ich selbst noch niemals gebaut und ich bin   auch nicht sicher, ob er wirklich wilddicht ist. Immerhin schaut er ganz hübsch aus und dürfte für Privatgärtner eine nette Bereicherung sein. Für ein einzelnes Segment nehme man vier Stöcke, die etwas länger sind als die geplante Höhe des Zaunes. Dann ramme man sie, im Grundriss ein Rechteck bildend, in den Boden. Dann wird der Raum dazwischen mit Kronenmaterial, Reisig, etc. gefüllt. Das Prinzip wird durch die nebenliegenden Bilder sicher deutlich. Auf dem ersten Bild ist in der linken Hälfte die Pflanzung an Beerensträuchern (eine Beerenart aus Kanada) zu sehen, die beschützt werden soll. Auf den anderen dürfte deutlich zu erkennen sein, wie der Zaun funktioniert und dass er ein großartiges Habitat für Vögel und Insekten darstellt. Er ist nach forstlichen Vorstellungen nicht hoch genug, um Rehwild abzuhalten, aber die Idee ist, dass das Wild durch einen blickdichten Zaun die Leckereien dahinter nicht erkennen wird.
Für den Privatgärtner dürfte diese Zaunart eine nette Alternative zu den herkömmlichen Blickschutzzäunen darstellen. Allerdings benötigt man dafür natürlich eine Menge Platz und entsprechend viel Material. Vielleicht weniger, wenn man nicht gerade einen halben Meter Dicke einplant…
Auf jeden Fall bereitet diese Art des Zaunbaus viel Freude und ich hoffe, dass ich ihn in meiner Zeit hier abschließen kann. Ansonsten mag noch erwähnenswert sein, dass der Hund zum einen bereits am Nachmittag müde ist und zum anderen öfter vor der Haustür steht – ihm scheint das gewohnte Herumliegen im Haus zu fehlen

21.7.2013 / All creatures great and small

Wo bin ich?
Carroch, Tag 4.
Was habe ich heute gegessen?
geräucherten Lachs und einen der Kebap-Spieße. Groß-Ar-Tig! Heute abend gibt’s die dann nochmal mit CousCous und Salat!
Was steht morgen an?
Zaun weiterbauen? Einzelschutz entfernen? Kies umschichten? Mal schauen…

Erneut habe ich die nahen Hügel erklommen, denn es ist Sonntag und ich verspüre mehr Lust auf Müßiggang denn auf Handwerk. Um zu den Hügeln zu gelangen muss ich – pardon, müssen wir – das Tor passieren, welches das Vieh daran hindert in den Garten zu gelangen und das Gemüse zu fressen. Kaum war dies geschehen, störten wir einige der schwarzen Rinder beim Dösen unter einer Eiche.
In der Heimat sperren wir sie ein und versuchen, Stallhaltung jeder Art als als tierfreundlich zu verkaufen.
Hier jedoch zieht man lediglich zum Schutze des eigenen Gartens einen Zaun ums Grundstück und sperrt Schafe wie Rinder aus.
Fast ungehindert laufen sie herum, ihre Weiden sind fast ohne Grenzen. Und man nennt es nicht “artgerecht” oder “tierfreundlich”….
……sondern N O R M A L.

22.7.2013 / Planänderung

Gleich geht’s mit Graham auf das narrow boat von seinem Kumpel. Der will das irgendwie verholen und braucht dafür ein zweites Auto, oder so…..
Ganz wohl ist mir damit nicht, mit zwei nahezu fremden Kerlen auf engem Raum zu sein, aber Whisky ist ja dabei. Das wird schon. Diese ganze Paranoia ist doch nur durch die Angstgesellschaft anerzogen worden!
Am Donnerstagmittag wollen wir zurück sein. Spätestens dann sollte ich mal was von mir hören lassen!

23.7.2013 / Heads up!

Wo bin ich?
An Bord, Wigan liegt hinter uns.
Was habe ich heute gegessen?
Ich habe gekocht also gab es Bratkartoffeln, Spiegeleier und Speck
Was steht morgen an?
Über 30 Schleusen…und dann zurück nach Carroch!

Alles fließt…ich habe aufgehört, zuviel an morgen zu denken.
Ich freue mich darauf, Morgen wieder in Carroch zu sein. Am meisten auf das Befeuern des kleinen Ofens in meiner Stube. Und auf Grahams nächsten Gast, der am Donnerstag eintreffen wird.
…am Anfang zählt man die Schleusen, die man hinter sich hat…
…am Ende nur jene letzten, die noch vor einem liegen…
Und dazwischen vergisst man das Maß und macht einfach weiter!

Der Hund ist nur einmal in den Kanal gefallen bei dem Versuch, daraus zu trinken. Er war aber dank dem beherzten Eingreifen von Graham und mir schnell wieder an Land: „Don’t try that again!“, ermahnte Graham den Whisky mit einem Lachen.

So lässt es sich reisen - fanden beide, Mensch und Setter!

So lässt es sich reisen – fanden beide, Mensch und Setter!

Diese Art des Reisens hat schon einen sehr eigenen Charme. Da weder ich noch Graham das Ruder übernehmen konnten (bzw. durften: Ich stand schon am Ruder eines Traditionsseglers und hätte es mir durchaus zugetraut) war unsere Arbeit nach dem Bedienen der Schleusen getan. Danach saßen wir nur noch im Bug auf Campingstühlen, haben Bier getrunken und die Landschaft an uns vorbei ziehen lassen. Graham hat versucht, mir zu liebe die „Ode an die Freude“ auf seiner Ukulele zu spielen. Zelebriertes Nichtstun! Und der Hund? Der hat sein erstes Bootsabenteuer ganz gut gemeistert. Er stand meist im Bug, die Vorderpfoten auf der Reling und hat mit halb geschlossenen Augen die Landschaft erkundet.

24.7.2013 / Back in Carroch

Was habe ich heute gegessen?
Allerlei seltsame Süßigkeiten. Die Briten scheinen diesbezüglich nur Zucker zu kennen: Ich hatte einen halben, massiven Riegel aus Erdnüssen in Zucker…
Was steht morgen an?
Den Rhododendron mit der Motorsäge entfernen und den Zaun weiterbauen. Und den neuen Gast begrüßen.

Fühlt sich gut an, wieder hier zu sein. Die Episode auf dem Boot war eine schöne Erfahrung, aber auf Dauer hätte ich das ewige Nichtstun nicht ertragen.
Und ich freue mich schon auf den Duft in meinem hölzernen Quartier, wenn ich den Ofen für die Nacht angeheizt habe. Das ständige Englischsprechen führt bei mir dazu, dass ich anfange auf Englisch zu denken. Nur leider dürfte die Grammatik selbst dort, in meinem Kopf, so furchtbar sein, dass eine mit mir befreundete Englischlehrerin nur den Kopf schütteln würde…

25.7.2013 / Unbeständig
Kettensägenmassaker

Der Rhododendron muss weg! Auf Knien eine Motorsäge bedienen ist anstrengend und kein bisschen empfehlenswert….

Schottisches Wetter

Nach Tagen der Sommerglut zeigt sich Schottland endlich so, wie man es erwartet. Wenngleich der Wetterumschwung schon sehr rasant kam tut die kühle, feuchte Luft Körper und Geist wahrlich gut!

Der Tag heute offenbarte sich als schottischer als die anderen Tage zuvor. Gegen Mittag kamen einige zwar kurze, aber heftige Schauer runter. Dem Wetter trotzend habe ich dennoch den ganzen Rhododendron niedergemacht. Eigentlich hätte ich es in einer Stunde schaffen können – wenn die Billigmotorsäge nicht ständig versagt hätte. Egal, geschafft ist geschafft und morgen ist ja auch noch ein Tag.
Ein neuer Gast ist auf Carroch eingetroffen: Martha. Sie stammt aus Südengland und studiert Kunst in Glasgow. Ein liebes Mädchen, dass mich vor allem dadurch beeindruckt dass sie, trotz des unsteten Wetters mit kühlem Wind, Shorts und Tanktop trägt.
Ich werde die beiden Briten heute mit deutschen Frikadellen bekochen. Schauen wir mal, wie es ihnen schmeckt.
Ich fühle mich gut und entspannt, mein Kopf ist leer. Bei der feuchten, kalten Luft sitze ich einfach auf meiner Veranda und höre der Stille zu.

26.7.2013 / Heavy Rain & Pub

Ein guter Tag liegt hinter mir. Martha ist ein wirklich nettes Mädel, sie ist 20 Jahre alt und studiert Kunst in Glasgow. Die Arbeit mit ihr macht Spaß. Wir mit dem Zaun gut voran gekommen. Und das obwohl wir gegen Mittag zu einer Teepause gezwungen wurden: Schottische Schauer können echt heftig sein!
Danach hat Graham uns gezeigt, wie man aus Natursteinen einen ordentlichen Weg baut. Leider sind wir nicht weit gekommen, denn beim Ausgraben haben wir einen sehr sehr großen Stein gefunden, der sich partout nicht bewegen lässt. Mal sehen, ob wir dieses Problem nächste Woche lösen können. Das Prinzip des Steinweges ist simpel und ich glaube, ich werde einen solchen auch zuhause anlegen falls Natursteine günstiger sein sollten als quadratische Pflastersteine. Hier stellt sich diese Frage nicht, denn die Steine sind überall.
Graham wird uns am Wochenende wieder allein lassen, mit einer überschaubaren To-Do-Liste und 20₤. Am Sonntag wiederum wird Martha uns verlassen und statt ihrer zwei französische Jungs eintreffen. Mal schauen, wie das so wird!
Ich glaube, ich werde Martha ein bisschen vermissen, obwohl sie nur so kurz da war.

Nach der Arbeit fuhren wir in das nahe Dorf – mit dem Pick up. Auf dem Hinweg durfte ich zusammen mit Whisky auf der Ladefläche sitzen was unglaublich viel Spaß machte. Mit dem Wind in der Nase zu Reisen fühlt sich deutlich echter an als in einem geschlossenen Auto.
Dann gab es für mich meinen ersten Pub-Besuch. Wir verbrachten den Rest des Nachmittags bei ein paar Pint Bier, sprachen über die Welt, Politik, Krieg, Jagd und all diese Dinge und ich fühle mich selbst derzeit am rechten Platz.

„Dein Herz ist frei – hab’ den Mut, ihm zu folgen!“ (Braveheart)

….Mein Kopf wird jeden Tag leerer und leerer, mein Herz voller und voller.

27.7.2013 / Lazy day

Was habe ich heute gegessen?
Ein paar Scheiben der unglaublich leckeren Wildschweinsalami und gleich gibt es eine Art Eintopf, einen Stew, den Martha für uns zubereitet.
Was steht morgen an?
Nicht viel, denn dann ist Sonntag. Martha wird uns verlassen und dafür kommen zwei Franzosen. Ich habe mir vorgenommen, morgen Joggen zu gehen. Und den Hund auf der Schleppe einzuarbeiten.

Obwohl die Arbeit nicht anstrengend ist, spüre ich jeden Muskel. Ein gutes Gefühl. Heute haben wir den Zaun soweit fertig gebracht, dass wir den ganzen Rhododendron aus dem Garten losgeworden sind. Zu zweit ging es dann doch sehr rasch dem Ende zu. Er sieht schick aus, wie aus dem Bild rechts zu ersehen ist, und wird bald reichlich Unterschlupf für Vögel, Insekten und Igel bieten. Eine deutlich bessere Variante des Blickschutzes als nackte Lattenzäune oder gar steingefüllte Gittermauern. Doch heutzutage muss ja alles immer schnell gehen und nach Schema F aussehen….andererseits ist diese Zaunart sehr billig, er kostet eben nur etwas Zeit. Und darüber hinaus stellt er noch eine gute Möglichkeit dar, die meisten Gartenabfälle sinnvoll zu “entsorgen” – mit der Zeit wird das Material verrotten und nach unten sinken, sodass er ständig aufgefüllt werden kann.
Ansonsten habe ich heute nicht viel zustande gebracht. Ich bin mit Martha und Whisky die Hügel hinauf geklettert und habe einige Telefonate in die Heimat geführt. Dann bin ich noch zum Einkauf in das nahe Dorf Moniaive (sprich: engl. “Money” und “Eiff”) gefahren und habe die Idylle dieses beschaulichen Ortes genossen. Es ist ein verschlafenes Nest, und dennoch gibt es dort einen sehr kleinen Laden für Lebensmittel und dergleichen, gleich zwei Hotels von denen eines mehr ein Pub mit Übernachtungsmöglichkeit ist und sogar einen Chocolatier!
Ach, aber wie hat der Hund traurig ausgesehen als er mich davon fahren sah! Es war gerade ein starker Schauer herunter gekommen und er hatte sich so gefreut, mich begleiten zu dürfen und dann…musste ich das Tor vor seiner Nase schließen. Er ist dann wohl bald hinauf zum Haus und hat Marthas Gesellschaft gesucht. Heute hat er ohnehin den ganzen Tag im Haus verbummelt – die Tür steht ständig offen und anstatt uns in der Hitze beim Zaunbau Gesellschaft zu leisten und, wie es so seine Art ist, zu Überwachen ob wir das auch alles recht und in seinem Sinne vollbringen mit dem Zaun, lag er lieber im Wohnzimmer dösend auf dem Teppich. Zuviel frische Luft bekommt ihm wohl nicht, dem alten Faulenzer!
Schottische ForstwirtschaftAuf dem Rückweg vom Dorf nach Carroch habe ich die perfide Strategie der Forestry Commission dokumentiert. Es ist nicht allein, dass hier Fichten Reih’ in Reih’ gepflanzt und abgeholzt werden, dass die Sturm- und die darauf folgenden Käferschäden ignoriert und scheinbar unbehandelt bleiben. Dass hier verantwortungslos das Wort “Wald” missbraucht wird – denn ein Wald ist ein artenreiches Biotop, ein Ort der Erholung und Besinnung und nicht zuletzt auch ein Schutzwall gegen Bodenerosion und Überschwemmungen.
Nein, hier wird nicht nur Schindluder getrieben um des Geldes willen. Hier wird die Bevölkerung getäuscht! Wie man auf den beiden Bildern zur Linken und zur Rechten erahnen kann wird zur Straße hin brav und artig Laubholz gepflanzt. Der einzige Sinn und Zweck dieses recht kleinen Walles aus Laubbäumen ist jener, dass ein Betrachter von der Straße aus – und andere Wege gibt es dort nicht – in einigen Jahren einen schönen Waldrand betrachten wird, nichtsahnend dass nur wenige Schritte ausserhalb seines Blickes die Ödnis von Fichtenmonokulteren beginnt! Das wahrhaft erschreckende daran ist folgendes: Bis vor kurzem glaubte ich noch, die wüssten es nicht besser. Doch offenbar wissen sie genau, was sie dort treiben und versuchen es aktiv und willentlich gegenüber den Einheimischen zu verbergen und zu vertuschen! Pfui!
Doch genug aufgeregt. Vielleicht mag es an mir sein, diese Dinge hier zu ändern. Doch nicht jetzt und nicht heute. Jetzt vernehme ich lediglich den Duft von wunderbarem Essen in meiner Nase und will Martha nicht länger warten lassen…

28.7.2013 / Sonntag

Heute war ein ausgesprochen fauler und unnützer Tag. Am frühen Morgen hat es bereits angefangen heftig zu regnen, der Regen dauerte an bis in die frühen Nachmittagsstunden. Doch selbst wenn das Wetter besser gewesen wäre stand keine Arbeit an. So haben Martha und ich die letzten gemeinsamen Stunden schweigend in Nichtstun verbracht.Als Graham zurück war brachen beide auch schon wieder auf – Martha musste zum Zug gebracht und die beiden Franzosen abgeholt werden. Noch sind sie nicht zurück und ich bin etwas neugierig auf die beiden neuen Gäste, die wohl 3 Wochen lang bleiben werden.
Ich selbst werde am 6. August wieder aufbrechen. Gestern war ich noch betrübt bei dem Gedanken Carroch schon so bald verlassen zu müssen. Doch heute, da mein Geist wenig Beschäftigung kennt und sich in Einsam- und Traurigkeit ertränkt, freue ich mich auf diesen Tag. Denn dann liegt ein neues Abenteuer vor mir, bei Thea in Stonefield (“PA23 8RA” bei Google Maps eingeben) die mir unbedingt Traktorfahren beibringen möchte und deren Schwester ebenfalls einen Gordon Setter ihren Kameraden nennt.
Immerhin habe ich es heute geschafft, meine Bewerbung für eine Stelle in Schottland auf den Weg zu bringen. Da die Bewerbungsverfahren in Großbritannien alle online laufen ist das kein großer Akt gewesen – deutsche Bewerbungen sind zehn mal zeitintensiver zu schreiben! Ich bin gespannt auf die Reaktion, doch große Hoffnungen mache ich mir trotz allem nicht. Dazu ist die Bezahlung zu gut (min. etwa 2500€/Monat). Aber immerhin konnte ich mir damit ein wenig die Zeit vertreiben.
Nächste Woche muss ich im schlimmsten Fall mit Whisky zum Tierarzt. Er hat sich am Donnerstag vermutlich eine Zecke ausgerissen und leckt seit dem die Stelle am Rücken wund. Mittlerweile ist daraus eine flächige Entzündung geworden. Doch da der Tierarzt nahe und teuer ist und die Sache nicht sehr akut zu sein scheint (die Wunde ist immerhin trocken) werde ich noch etwas warten und es bis dahin mit Ringelblumensalbe versuchen.
An Arbeit gibt es für nächste Woche auch noch genug, der Kies auf der Terrasse muss abgetragen werden und vermutlich werden wir auch den Steinweg weiterbauen. Sobald wir mal den großen Fels ausgegraben haben, der uns dafür im Wege ist!

29.7.2013 / Unzufrieden

Ich bin nicht wirklich in guter Schreiblaune. Meine Laune hat sich überhaupt seit gestern kaum gebessert. Ich kann auch sagen weshalb: Seit mich Graham gestern gefragt hat, wann ich fahren würde und ich ihm darüber Antwort gab, hat nicht nur mein Kopf diesen Ort verlassen sondern auch mein Herz. In Gedanken bin ich schon beim nächsten, bei Thea. Und irgendwie verspüre ich heute genauso Unlust unter Menschen zu sein wie gestern bereits.
Meine Bewerbung ist auf dem Wege und ich verliere mich derzeit leicht im Träumen. Ein gut bezahlter Job in meinem Fachgebiet in einem wunderschönen Land, in dem ich viel bewirken könnte wenn man ließe. Und selbst wenn nicht – nach einem Jahr Praxis als “Woodland Officer” dürften mir auch manche bisher verschlossenen Türen in Deutschland offen stehen. Und allein das Gehalt! Müsste ich dann überhaupt Steuern bezahlen? Ich weiß es nicht. Vermutlich nehmen sie mich garnicht sodass ich es auch nicht herausfinden würde.
Der heutige Tag stellte sich als produktiver heraus als ich mir eingestehen will. Ich komme mir faul vor, obwohl ich viel beschickt bekommen habe: Die Betten sind repariert und die Jurte hat einen schönen Teppichboden bekommen. Ausserdem habe ich im Haus staubgesaugt was dringend nötig war. Und dennoch komme ich mir unnütze vor. Seit Mittag ist Graham fort, er wollte zum Einkaufen nach Dumfries fahren.
Obwohl ich Hunger habe verspüre ich wenig Lust auf das gemeinsame Abendessen. Ich werde es wohl wie gestern ausfallen lassen.

30.7.2013 / Pulli an, Pulli aus, Pulli an…

Der Tag heute erscheint so anders als der gestrige. Die Arbeit mit den Franzosen macht Freude, obwohl sie kaum Englisch sprechen und die Kommunikation bisweilen sehr holprig ist. Graham war wieder fort und die beiden haben mich als eine Art Vorarbeiter betrachtet. Ein schönes Gefühl, ein wenig erhaben. Wir haben den Kies von der Terasse entfernt und werden nun daran gehen, den Boden neben dem Mauerwerk auszuheben sodass wir später einen Wasserschutz einbauen können.
Das Wetter heute ist sehr schottisch: Stürmisch und ständig gibt es kleine Schauer, die aber bald vergehen und Platz für reichlich Sonnenschein lassen. Insgesamt ein gutes Wetter zum Arbeiten, wenngleich man ständig die Pelle wechseln muss.
Die FranzosenBrennholzHard work!GrahamNach einer kurzen Mittagspause war Graham wieder zurück und wir machten an anderer Stelle weiter. Der “Parkplatz” neben dem Haus musste aufgeräumt werden. Die Jungs durften die ganzen Äste verräumen während ich selbst Baumstämme mit der Motorsäge zu Kleinholz verarbeiten durfte. Ein gutes Gefühl ist das, wieder mit der Säge zu arbeiten! Ich wusste garnicht, dass ich das je vermisst hätte doch nun weiß ich keine schönere Sache, nichts was mir lieber wäre als Brennholz zu machen! Getrübt wurde diese Freude jedoch durch die miese Qualität der Billigsäge. Ich bekam sie nicht wieder in Gang und machte mir beim Anlassen die Finger blutig. Nach unzähligen Versuchen baute ich das Teil dann auseinander und wurde des Ausmaßes der Billigware erst gewahr: Der Kontakt zwischen Zündkerze und Kabel war unterbrochen. Das wunderte nicht angesichts der Art, wie beides miteinander verbunden war: Das Kabel war glatt abgeschnitten und bekam Kontakt über einen kleinen Draht, der am Gummi des Kabels festgeklemmt war. So lag es nahe, dass der Kontakt sehr rasch veloren geht wenn man auch nur einmal das Kabel zur Zündkerze entfernte. Ob die das absichtlich machen um technisch weniger versierten Kunden Reperaturkosten berechnen zu können? Ich weiß es nicht. Doch am Ende lief die Säge wieder und ich tat mein Bestes, sie nicht ausgehen zu lassen.
Pünktlich zum Feierabend fing es dann wieder an zu regnen. Während ich hier im Wohnzimmer in Wärme und bei Tee sitze und schreibe hört es zwischenzeitlich einmal auf um dann von neuem zu beginnen. Mir gefällt dieses Wetter und wenn ich den Berichten aus meiner Heimat Glauben schenken darf, so mag man mich wohl allein deshalb beneiden. Wenn die Sonne scheint und man bei der Arbeit ist reichen lange Hosen und ein kurzes Hemd, ist die Sonne fort und man sitzt nur faul herum, muss ein Pulli drüber.
Graham scheint sehr zufrieden mit mir und meiner Arbeit zu sein. Und ich arbeite gern mit ihm, er ist gelassen und entspannt. Jede neue Idee wird mit Freude aufgenommen. Er ist ein feiner Kerl und es wundert mich schon lange, weshalb er beschlossen hat allein hier draussen zu leben. Auch ist an seiner Art, wie er Kinder betrachtet wenn sie miteiander spielen oder quengeln, eine Stille Freude und der Hauch von Traurigkeit zu sehen. Ich vermute eine traurige Geschichte hinter seinem Schicksal als Eremit, doch wage ich noch nicht zu fragen. Er hat mir versprochen, noch einmal mit ihm im den Pub zu gehen des Zechens halber. Vielleicht wird sich da eine Gelegenheit ergeben, ihn vorsichtig danach zu befragen.
Der Abend ist, wenn überhaupt schon geboren, noch sehr jung und heute mag ich in Gesellschaft sein. Der Hund ist zwar schon müde und räkelt sich schlaftrunken auf dem Teppich, doch ich bin es noch nicht.

31.7.2013 / Feuerholz

Ein arbeitsreicher Tag liegt hinter mir. Während die Jungs den ganzen Tag damit beschäftigt waren, einen kleinen Graben auszuheben indem später ein großer Rohr zur Entwässerung des oberen Gartens Platz finden soll, durfte ich die gestern klein gesägten Holzblöcke zu Feuerholz verarbeiten. Erst war Spalten auf dem Programm, eine Arbeit die mir stets Freude bereitet und schnell von der Hand ging. Der kleine Ster wird wohl etwa eine Woche reichen, meint Graham.

Nach einer wirklich kurzen Mittagspause ging es für mich dann weiter. Auf dem Parkplatz, den wir ja aufräumen wollten, fanden sich etliche alte Bretter die es erst mit dem Fuchsschwanz zu zersägen galt bevor sie anschließend mit dem kleinen und sehr scharfen Handbeil gespalten wurden. Das Ergebnis kann sich auch hier sehen lassen, wenngleich es deutlich anstrengender war als das zuvorige Spalten. Ebenso musste ich dem Holz und dem Beil meinen Tribut mit Blut zollen, doch die Wunde sieht schlimmer aus, als sie tatsächlich ist. Jetzt, da ich nicht mehr arbeiten muss, hat es auch endlich aufgehört zu bluten.
Und Graham? Der hat während die Jungs fröhlich buddelten und sich über den steinigen Boden ärgerten und ich selbst den Holzvorrat erweitert habe einen kleinen Ausflug mit Whisky in die Hügel gemacht. Eine Stunde waren sie unterwegs und kaum waren sie zurück, fiel mein Hund vor Erschöpfung um wie tot und ließ sich auch durch den Lärm der Handsäge nicht beirren. Auch jetzt liegt er noch wie ein guter Teppichvorleger auf dem Boden und träumt von Schafen…
Wie er fühle auch ich mich sehr müde. Vermutlich werde ich morgen meinen heutigen Elan bereuen. Ich erahne schon jetzt den drohenden Muskelkater in Schulter, Rücken und besonders in den Armen. Ein schönes Gefühl.
Heute Abend wird es dann noch ein gesellschaftliches Highlight geben: Wir haben einen Kartenspiel-Abend geplant. Ich bin gespannt auf die Spiele der Franzosen und Graham möchte unbedingt “Durak” von mir lernen. Doch bis dahin ist noch viel Zeit. Es ist bemerkenswert, wie wenig mir der Fernseher fehlt. Und selbst das Diablo3-Zocken erscheint mir unwichtig. Die Freizeitgestaltung hier ist zwar überschaubar – ich verschlinge mit Wonne jedes meiner Bücher im Kerzenschein bei wohliger Ofenwärme – aber ungleich wertvoller.

1.8.2013 / Dumfries
Dumfries

Blick auf die Stadt – von hier sieht sie noch ganz nett aus

Dank dem noch immer andauerndem Regen haben wir heute einen kleinen Ausflug nach Dumfries, der nächstgrößeren Stadt, unternommen. Eigentlich wollte ich dort etwas Tartan-Stoff für meinen neuen Jagdrucksack einkaufen, aber die Auswahl beim Kiltmaker und auch die Preise waren dann doch wenig zufriedenstellend. Ich werde was das angeht nächste Woche noch einmal mein Glück in Glasgow versuchen.
Dumfries selbst ist eine sehr hässliche Stadt. Gut, auf dem Foto ist auch die hässlichste ihrer Seiten abgebildet, aber insgesamt war ich nicht traurig, als wir wieder nach Carroch aufbrachen. Immerhin hatte ich Gelegenheit, meine Prepaid-Karte aufzuladen und die Leinenführigkeit meines Hundes zu erproben. Die Leine lag seit gut einer Woche ungenutzt im Auto und so überraschte es mich umso mehr, dass er nach einfänglicher Einnordung dann perfekt bei Fuß ging. Auf den Hund wurde ich mehrfach angesprochen – ein Einheimischer erzählte mir, dass er selbst gern wieder einen Gordon Setter hätte und seit 30 Jahren mehr keinen gesehen hätte. Insgesamt fielen wir ausschließlich positiv auf. So sehr die Briten auch Hunde gern haben, gut erzogene Hunde scheinen, nach meinen eigenen Beobachtungen, eher die Ausnahme zu sein. So hässlich die Stadt auch ist, so freundlich sind doch deren Bewohner.
Zurück in Carroch hat der Regen zwar aufgehört, doch die Feuchtigkeit liegt noch immer in der Luft. Wobei es bemerkenswert ist, wie warm der Regen doch ist der hier im Sommer fällt. Jetzt im Moment freue ich mich auf die Crepes, welche uns von den Franzosen kredenzt werden. Anschließend wollen wir noch das Spiel “Jungle Speed” ausprobieren. Ein schöner, wenngleich recht fauler Tag liegt hinter mir. Meinem Körper indes tat diese Erholung ganz gut: Ich fühle mich unglaublich müde. Im Oberkörper spüre ich jeden Muskel, zu meinem Erstaunen sogar in den Händen. Diese haben durch das häufige Nutzen von Handwerkzeugen, wie z.B. dem Fuchsschwanz, neue, kräftige Schwielen gewonnen auf die ich ein kleines bisschen stolz bin.

2.8.2013 / Einsamkeit

Heute war wieder einer dieser Tage, an denen mir jede Gesellschaft zuviel wurde. Immerhin scheint Graham das zu verstehen und respektiert diesen Wunsch. Am Vormittag ging’s noch, wir haben viel im Matsch rumgebuddelt um ein Entwässerungsrohr zu legen. Harte Arbeit, aber sie macht Spaß. Im Dreck rumwühlen ist doch mit das schönste. Dem Hund  hat es auch sehr gefallen – er hätte noch stundenlang in dem Matsch nach Schätzen wühlen können!
Am Nachmittag dann ging es los. Ich fühlte mich von allen genervt und verzog mich für’s Erste zum Kochen nach drinnen. Nach einigen halbherzigen Versuchen, wieder zurück in die Arbeit zu finden, teilte ich Graham meine Gemütslage mit und verzog mich mit Whisky in die nahen Berge. Geholfen hat es zwar nicht, aber dem Hund hatt’s gefallen.
Und ansonsten? Es sieht mal wieder nach Regen aus. Und ich hoffe, dass der morgige Tag Besserung für mein Gemüt bringen wird. Immerhin tut es sehr gut, allein sein zu können wenn ich es will. Und vielleicht wird auch schon der Abend besser, wenn wir erstmal den westfälischen Wirsingeintopf gegessen haben. Anschließend spielen wir vielleicht noch eine Runde Jungle Speed. Und wenn selbst das mies wird, kann ich mich immerhin noch auf meinen Ofen, die Kerzen und Hermann Hesse freuen….

3.8.2013 / Steinwege

Der Tag heute wurde deutlich produktiver als der gestrige. Auch die Leere in mir ist gewichen, wenngleich ich vermute, dass sie bei nächster Gelegenheit wieder über mich kommen wird. Das Rezept dagegen heute lautete: Steinweg anlegen. Ach, es ist eine unglaubliche Freude, diese Arbeit. Ich kann nicht genau fassen weshalb, doch ich konnte kaum damit aufhören. Vielleicht liegt es an der sowohl körperlichen als auch geistigen Herausforderung, die das Anlegen eines solchen Weges erfordert. Und natürlich sieht man schnell einen Fortschritt und Erfolg. Hierzulande ist das Bauen mit Natursteinen, seien es nun Mauern, Wege ode Treppen, ja perfektioniert worden. Der Grund dafür liegt auch auf der Hand: Die großen Steine sind überall. Auf dem Feld, im Wald, im Boden. Ich hoffe sehr, dass ich einen solchen Weg auch zuhause in Bayern werde anlegen können, wenngleich dafür natürlich die Steine gekauft werden müssen.
Am Anfang ist ein Loch. Man gräbt es einfach und sortiert dabei bereits die Steine aus, die man später braucht. Dann werden die großen Steine eingelegt und mit den kleinen Steinen festgekeilt. Das war’s eigentlich schon. Man sollte sicher gehen, dass die großen Steine auf anderen kleinen Steinen liegen und nicht allein auf Boden. Zum Schluss – was man hier auf dem Bild noch nicht sieht – werden alle Lücken mit kleinen Steinen gefüllt und erneut festgekeilt, um ordentlich Spannung auf das Pflaster zu bringen. Als Krönung kommt dann noch etwas Kies in die Ritzen und fertig. Während ich den ganzen Nachmittag mit dieser Ausgabe beschäftigt war, hat der Hund fleissig “Frustrationstoleranz” geübt. Mittlerweile kann er das auch schon recht gut – er hört viel früher auf zu winseln und entspannt sich deutlich schneller.
Nun werde ich mich in die Küche begeben und das Dinner für heute Abend vorbereiten: Gulasch. Graham erwartet später noch Besuch, was auch der Grund dafür ist, weshalb ich schon so früh mit meinem Tagesbericht dran bin, weiß ich doch nicht, ob ich später noch Gelegenheit haben werde. Immerhin habe ich mein Gastgeschenk, ein 5l Fass Weizenbier, kaltgestellt. Das verspricht alles, ein heiterer Samstag zu werden….

5.8.2013 / Carroch, Last day

Der Tag ging viel zu schnell vorbei. Es gab auch viel zu tun: Ich habe Graham einen sehr kurzen Einstieg in die Kunst des Auszeichnens gegeben, sodass er auch ohne mich in den kommenden Jahren seinen kleinen Wald bewirtschaften kann. Dann habe ich noch den Steinpfad fast zu Ende gelegt. Immernoch eine schöne Arbeit, wenngleich sich untere anderem deshalb meine Wunde am Finger nett entzündet hat. Aber ein schönes Gefühl, so “beinahe fertig”. Zum Abschluss waren wir alle noch im Pub und, nach ein paar Pint, waren die Zungen gelockert und es tat sich das erste Mal ein anständiges Gespräch mit den Franzosen auf. Diese waren sehr überrascht, dass ich die Band “La rue Ketanou” kannte. Auch das Fahren mit dem Lennkrad auf der falschen Seite habe ich probiert. So schwer ist das garnicht. Es sei denn, man fährt einen viel zu großen Pick up….
Jetzt bin ich wieder hier im Wohnzimmer, warte auf das Essen und fühle eine Schwere in mir. Der Abschied morgen soll kurz und zügig gehen. Also habe ich heute meine Seite in Grahams Gästebuch gefüllt. Viel habe ich hier gelernt. Vieles, was ich mitnehmen werde. Und auch manches, was ich herbrachte, wird hier bleiben und vom Wind davogetragen werden. Vor allem aber hat Graham mir sehr eindrucksvoll demonstriert, wie schön das Leben abseits des Normalen sein kann. Gewiss, Komfort und Luxus bleiben auf der Strecke – doch was ist das schon verglichen mit Freiheit?
Der Zukunft blicke ich lächelnd entgegen. Auch, wenn mir mein Herz schwer wird bei dem Gedanken, diesen Ort, der mir in den letzten Wochen wie Heimat war, zu verlassen – ein Abenteuer muss enden ehe ein neues beginnen kann.
Meine letzten Worte an Graham in seinem Gästebuch waren eine Erinnerung an das, was ich einst wusste, dann vergaß und hier erst wieder lernen musste. Letztens noch sagte er, es sei beschämend für ihn dass ich als Deutsche soviel mehr über Shakespeare und seine Werke wisse. Und so waren meine letzten Worte an ihn die folgenden:
“This above all: to thine own self be true,
And it must follow, as the night the day,
Thou canst not then be false to any man.”
(Dies über alles: sei dir selber treu,
Und daraus folgt, so wie die Nacht dem Tage,
Du kannst nicht falsch sein gegen irgend wen.)
Shakespeare, Hamlet, Polonius zu seinem Sohn Laertes

6.8.2013 / Aufbruch

Der Hund ahnte schon, dass heute etwas anders sein würde. Und spätestens, als ich auch seine Decke in die Kiste verräumt hatte, war er sich darin sicher. Nur was genau passieren würde, davon wusste er freilich nichts. Doch selbst jetzt, kurz vor unserem Aufbruch, liegt er entspannt auf dem Teppich. Und selbst, wenn er von dem bevorstehenden Abschied und Aufbruch wüsste, wäre er noch immer ganz entspannt. “Mir ist egal, wielange ich im Kofferraum sein muss. Mir ist egal, wohin wir fahren und was wir dort machen werden. Solange DU bei mir bist, ist alles gut und ich habe keinen Grund, in Sorge zu sein, denn du bist bei mir.” – So ähnlich wären wohl seine Gedanken, könnte man ihn dazu befragen.
Und ich? Ich freue mich auf meine Tour heute. Der Großteil davon führt an der Küste entlang. Wer möchte, kann meine Route ja anhand von Google Maps nachvollziehen:
Start: DG7 3UG
Ziel: PA23 8RA
Es mag gut angehen, dass ich in Stonefield nicht ganz so bequemen Zugang zum Internet haben werde. Falls dem so ist, wird dies vorerst mein letzter Eintrag sein. Aber ich habe mir für diesen Fall vorgenommen, mein Reisetagebuch offline weiter zu führen und es dann bei Gelegenheit online zu stellen.
Der heutige Vormittag war aber nicht ausschließlich dem Einpacken und Tetrisspielen gewidment. Vorher habe ich noch dem Steinpfad den letzten Schliff gegeben: alle Lücken wurden mit kleineren Steinen festgekeilt und anschließend mit Kies verschlossen. Ich finde, das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen! Mit der Erfahrung und einer größeren Auswahl an Steinen schafft man es natürlich, möglichst wenige Lücken zu haben und die Steine schön Kante an Kante zu legen. Was mir an dem Anlegen des Weges am besten gefallen hat war das folgende: Keine Wasserwaage, kein Bindfaden. Es muss nicht immer alles perfekt sein und die Schönheit liegt oft in den kleinen Fehlern, in Ungenauigkeiten. Dann sieht es natürlich aus, als wäre es von selbst so gewachsen. Ich verstehe nicht, weshalb der Mensch immer der Meinung ist, alles besser machen zu können als die Natur. Denn wenn man diese Kleingärtner- und Vorstadtmentalität des niederen Bürgertums fortsetzt endet es in Flussbegradigungen und Rodungen. Der Mensch hat es noch niemals geschafft, mit derlei Eingriffen in die Natur das Leben auf lange Sicht schöner und einfacher zu machen, das Gegenteil ist der Fall und dies wurde uns nicht zuletzt durch das Hochwasser in diesem Jahr erneut demonstriert.
Doch dies sind müßige Gedanken. Auf geht’s, das nächste Abenteuer ruft!

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