Bärenjagd I.

Ich nehme das Ende vorweg, um gar nicht erst Erwartungen aufkommen zu lassen: Wir wurden keines Bären ansichtig. Das ändert aber nichts an der Erfahrung, die ich heute machen durfte. Und die war…beeindruckend. Durch und durch.

Mittlerweile haben wir 30cm Schnee. Vom Bambus ist im Wald nicht viel geblieben. Der Sicht kommt es zu Gute und auch dem Marsch. Ich stapfte hinter Kubosan her und als wir auf frische Bärenspuren trafen war ich doch sehr froh um das lange Messer, welches er mir geliehen hatte. Ich konnte mich gut daran festhalten, auch mental. Nicht, dass ich damit gegen einen Bären eine echte Chance hätte. Trotzdem. Der Wald war ganz leise geworden. In den Fußstapfen dieses erfahrenen Jägers machte es mir nichts aus, der Bärenspur zu folgen. Erstmal. Dann mussten wir den Flusslauf kreuzen und wir machten kurz Halt. Er erklärte, wir folgten einem etwa fünfjährigen, männlichen Braunbären. Die Stimmung veränderte sich. Ich kann nicht sagen was es war, aber irgendwas hatte sich verändert. Dann ging es die Böschung hoch und Kubosan führte sein Gewehr in den Händen, anstatt es zu schultern. Ab da war meine linke Hand an der Scheide des Messers, die rechte am Griff. Auch das bloß, um meinen Geist zu beruhigen. In einem Lärchen-Jungbestand, künstlich angelegt, folgten wir weiter diesen Spuren. Jedes einzelne Trittsiegel länger als meine Hand und anderthalb mal so breit. Durch die Bäume hatte ich gute Sicht. Dann machte Kubosan, dem ich ja hinterlief wie ein Dackel, einen Schritt zur Seite. Gut 50m entfernt stand, außerhalb der Reihe, ein etwa mannshoher Baumstumpf. Ich dachte nicht nach. Es war wohl, dass dieser Anblick vom Kopf nicht erwartet worden war. Und ich fühlte mein Herz, voll Hitze und Adrenalin, auf eine Art und Weise wie ich es zuvor noch nicht erlebte! Ich zitterte nicht einmal, war aber hellwach.

Wir verbrachten den Rest des Tages in ähnlicher Weise. Mehrfach mussten wir den Fluss kreuzen und flussab- und aufwärts waten was mir einige Schwierigkeiten machte. Mir fehlen mindestens 30 Jahre Erfahrung und ich konnte im Fluss nicht ansatzweise Schritt halten. Auch trug ich ja keine Regenhose über den Stiefeln, sodass ich einiges an Wasser schöpfte. Ein herrliches Gefühl, wenn die Füße derart kalt werden, dass man das Gefühl hat nur noch auf den Knochen zu laufen! Doch ich versuchte, beide Schicksale demütig und ohne Groll zu tragen. Nicht, um Kubosan zu beeindrucken. Nicht, um mir selbst etwas zu beweisen. Sondern weil es schlicht keine Alternative dazu gab! Meine Action-Cam hatte in der Zwischenzeit, wieder einmal, vor der Zeit den Geist aufgegeben. Und so war dies ein Grund mehr für mich zu hoffen, wir mögen doch erstmal bitte keinem Bären begegnen. Während ein anderer Teil in mir auch einräumte, ein kleines bisschen Angst zu haben. Herz, sei stark! Ein weit größerer Teil, und der ängstlichste wohl auch, wünschte sich den Bären aber umso mehr herbei – damit dies endlich ein Ende hätte!

Statt des Bären kam uns aber zweimal Sika-Wild in Anblick. Einmal zog ein einzelnes, weibliches Stück auf der anderen Seite des Baches entlang, vielleicht 30m. Das andere Mal ein Hirsch, der verhoffte und in unsere Richtung äugte. Langsam schlich der Bärenjäger zu einem Baum und ließ fliegen, doch er traf nicht. Das Stück hatte sich wohl im letzten Moment bewegt. Wieder nichts mit uns und Beute. So traten wir den Heimweg an. Und meine Füße schmerzten nicht einmal mehr, als wir über die Straße gingen.

Wieder daheim mussten wir bald wieder los, um Shintaro, Kubosans Jagdschüler, zum Flughafen zu bringen. Etwas eingekauft habe ich auch, unter anderem den weltgrößten Cheddar-Barren! Ich gebe zu, dass deutsche Essen fehlt mir etwas. Wenngleich mich die hiesige Kost auch sehr verwöhnt. Neben Spezialitäten wie Fischaugen und nach Fisch duftendem Bäreneintopf (Kubosan hat diesen mit Fisch eingefroren, was ich sehr bedaure!) gibt es reichlich Fisch, fast immer roh. Und Suppe. Und natürlich Reis. Heute aber, da wir nun schon einmal in der Stadt waren, lud Kubosan wieder zum Essen ein. Und da ich die Karte nicht ansatzweise entziffern konnte und er recht müde war mit wenig Lust auf umfangreiche Erklärungen, bat ich ihn für mich auszusuchen. Sich auf Bären führen lassen, eine Sache. Aber wahres Vertrauen ist es erst, wenn man in solch einem Land das Essen auswählen lässt! Das Ergebnis war dann doch, was den „Schock-Effekt“ anging, sehr unspektakulär: Curry, Reis, gebratene Auberginen und pochiertes Ei. Einfach, aber sehr lecker!

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